Wagners Opern sind so komplex und facettenreich, dass man nie genau weiß, welches der vielen Elemente zum Höhepunkt wird. In Richard Jones' Inszenierung der Meistersinger von Nürnberg, zuvor an der Welsh National Opera gesehen, war der atemberaubende Moment für mich das Quintett im dritten Aufzug, ein superbes, kontrapunktisches Mischen der Stimmen, ausgeführt mit Eleganz und melodischer Schönheit, und eine Standardsituation des Musiktheaters, über die ein jüngerer Wagner sehr geschimpft hätte.

Komplex, facettenreich und, geben wir's zu, einfach lang. Einschließlich Pausen, Vorhängen und einer Verleihung für Jones dauerte der Abend knapp unter sechs Stunden. Und doch gestand mir meine Nachbarin, als wir den Saal verließen, dass sie „viele 90-minütige Opern besucht hat, die sich länger angefühlt hatten.“ Die Qualität dieser Vorstellung war so hoch und alles war so gut in die Musik integriert, dass es auch trotz Gardners relativ gemächlichen Tempi die Handlung nur ein Paar mal schleppte.

Das Orchester der English National Opera schien unter Gardner zu neuem Leben zu erwachen. Das Vorspiel zum dritten Aufzug war fesselnd und zeigte dem Hörer die Essens seines Könnens: das Wort „Haltung“ kam mir immer wieder in den Sinn. Gardner schien absolute Kontrolle über die dynamische Form einer jeden Phrase zu haben, das An- und Abschwellen präzise bemessen, genauso wie er es wollte, ob nun für dramatischen Effekt oder Balance mit den Sängern.

Iain Paterson gab eine überragende Vorstellung als Schuhmacher Hans Sachs. Seine Diktion ist so klar, die Art und Weise, in der er die Sprachkadenzen in seinen Gesang webt, so natürlich, dass man den verblüffenden Eindruck bekam, dass Paterson ein Freund ist, der einem beim Bier etwas erzählt. Bis man sich im Sitz aufrichtet und bemerkt, dass das, was man hört, noch immer Oper ist, mit resoluten, klaren Legato-Tönen. Paterson war völlig eins mit dem Text und dem weltmännischen Charakter des Sachs, mit hunderten kleiner schauspielerischer Gesten, von denen eine jede dem Portrait einen Klecks Farbe hinzufügte. Der Figur und all ihrer Komplexität wurde Leben eingehaucht, mit ihrer Güte und Nachdenklichkeit, ihrem Humor und ihren Fehlern.

Richard Jones' Inszenierung beinhaltete einige seiner üblichen Gewohnheiten wie dunkelgrüne Wände und Velourtapete (zum Glück nicht zur gleichen Zeit). Aber es war offensichtlich das dies eine Oper ist, die Jones wirklich liebt: die Inszenierung im Allgemeinen war sehr gefühlvoll, jedes Element diente dazu, die Nuancen des Textes hervorzuheben. Paul Steinbergs Bühnenbild gefiel mir ausnehmend gut; es reichte von der Einfachheit des Fachwerkhauses des Goldschmieds Pogner (ein Hauch Authentizität hier – es sah entwaffnend wie das Obergeschoss des Albrecht Dürer-Hauses in Nürnberg aus) bis zum organisierten Chaos im Inneren von Sachs' Behausung, halb Schuhladen, halb vornehmer Salon und Bibliothek. Buki Shiffs attraktive Kostüme waren in Wagners Zeit angesiedelt, abgesehen von einem Ausbruch mittelalterlicher Kleidung für den abschließenden Gesangswettbewerb. Ich bin mir nicht so sicher, was die inszenatorische Richtigkeit angeht, aber es war ein absoluter Augenschmaus.

Es war auch nicht nur Paterson, der in seinem Spiel den Details viel Aufmerksamkeit schenkte: Jones zauberte überzeugendes Schauspiel von der gesamten Besetzung. Das Zusammenspiel von Paterson und Andrew Shores Beckmesser kam dabei besonders gut zum Ausdruck – Beckmesser unglücklich unfähig, Sachs selbstbewusst und manipulativ. Auf stimmlicher Seite verlangen die Meistersinger eine riesige Besetzung, und der Gesang war einheitlich auf sehr hohem Niveau, weshalb ich die Sänger nicht einzeln aufzählen will. Besonders genossen habe ich das liebliche Timbre von Madeleine Shaws Magdalene, und die Beweglichkeit und Tiefe von James Cresswells Pogner.

Im ersten Akt war ich mir nicht sicher über Gwyn Hughes-Jones' Walther. Damit die Handlung aufgeht, muss Walther die Bühne beherrschen und einfach jeden in Grund und Boden singen, und das ist nicht passiert. In der intimeren Umgebung des dritten Aktes aber hob der Glanz von Hughes-Jones' Stimme die Vorstellung wundervoll. Und in aller Fairness muss man sagen, dass es hier für einen jeden Sänger schwierig gewesen wäre, den zu Bestform auflaufenden Chor der ENO zu übertönen. Am Ende des zweiten Aktes, wenn nächtlicher Unfug die Stadtleute von Nürnberg zu einem ausgewachsenen Aufstand animiert, war ein grandioses Stück musikalischen Chaos'.

Ein letztes Wort: im Gegensatz zur anerkannten Weisheit fand ich als Jude dies Oper vollkommen unbedenklich. Ich bin kein Experte der Stereotypen, die Deutschland im 19. Jahrhundert gegenüber Juden hatte und kann daher nicht sagen, ob Beckmesser damit in Einklang stand oder nicht. Ich hatte am Ende der Oper in jedem Falle eine Menge Mitleid für Beckmesser, der nur ein weiterer alternder Mann mit begrenzten Talenten ist, der wie alle anderen von Liebe träumt, und dessen Verschlagenheit sich mit der von Hans Sachs deckt, von ihr gar noch übertroffen wird. Die abschließende Predigt von der Überlegenheit der deutschen Kunst ist durchaus ungemütlich, aber für mich liegt das nicht an der Oper selbst, sondern hauptsächlich an der Art und Weise, wie sie von den Nazis angenommen wurde. Es sind ohnehin nur zehn Minuten am Ende von viereinhalb Stunden Oper.

Die ENO war in der letzten Woche aus den falschen Gründen in den Nachrichten und diese hochkarätige, umfangreiche Produktion musste dringend großartig werden. Sie ist es.



Aus dem Englischen übertragen von Hedy Mühleck.

*****