Eine neue Inszenierung von La forza del destino mit Premiere im Dezember 2013 wurde nun in diesem Sommer bei den Opernfestspielen wieder aufgenommen. Martin Kušej  aktualisiert die Handlung, bringt sie in modernere Zeiten, und zeigt, dass Familie und Religion im Grunde ein und dasselbe in dieser tragischen Liebesgeschichte sind; beides sind mächtige Mittel, um zu unterdrücken und zu zerstören.

Mit dem Beginn der bekannten Ouvertüre hebt sich der Vorhang und wie sehen eine Familie an einem langen, rechteckigen Tisch, die vor dem Abendessen ein Gebet spricht. Leonora ist nervös, denn sie erwartet die Ankunft Don Alvaros und spielt mit ihrem Essen, zerpflückt gedankenverloren ein Stück Brot, als ob sie den Leib Christi zu sich nähme. Diese Handlung wird am Ende der Oper wiederholt, als sie „Pace, pace mio Dio!“ singt. In Grunde genommen verläuft die ganze Oper in einem Kreis, denn auch die Szene der Familie beim Essen wird wiederholt. Leonora und ihrem Bruder Don Carlo findet man dabei tot auf ihren angestammten Plätzen, während Pater Guardiano im Anzug des Marchese am Kopfende des Tisches sitzt. Alvaro, der zu Beginn der Oper noch Teil der Familie sein wollte, lässt Tisch und Bühne letzten Endes angewidert hinter sich und wirft ein Kruzifix auf den Haufen größerer Kruzifixe auf der Bühne.

Es ist auffällig, wie selten die Liebenden in dieser Oper zusammen auf der Bühne stehen, denn Leonora dominiert die ersten beiden Akte, während Akt III und IV, abgesehen von Leonoras Schlussszene, fast ausschließlich Alvaro gehören. Der Tenor und die Sopranistin sind jeweils beinahe zwei Stunden von der Bühne abwesend, die Pause eingeschlossen, und müssen sich eindeutig wieder einsingen. Don Carlo, der Bruder / Freund / Feind hingegen ist konstant präsent und verbindet die Szenen der beiden. Die Oper braucht also drei, nicht nur zwei starke Stimmen, um ein Erfolg zu werden. München übertrifft in dieser Hinsicht alle Erwartungen..

Die Besetzung der erfolgreichen Premiere im letzten Winter wurde auch für diesen Sommer gewählt. Anja Harteros ist in den lyrischen und dramatischen Rollen von Verdi und Strauss überragend, und ihre Leonora zeigt sie von ihrer besten Seite; die „bedeckte“ Qualität ihrer mittleren Lage öffnet sich für klare und reine hohe Töne, und ihr pianissimo, mit dem sie die Töne noch höher schweben lässt, ist atemberaubend. Im ersten Akt dauerte es zwar ein wenig, bis sie richtig warm wurde, doch als Kaufmann mit einer langen Perücke auf die Bühne stürmte, stieg die Temperatur in Schauspiel und Gesang merklich, und ihr kurzes Duett sprühte nur so vor schwindelerregender Aufregung. Groß und mit majestätischer Haltung drückte Harteros Leonoras Gefühlsdurcheinander oft dadurch aus, dass sie regungslos stehen blieb und kleinste Körperbewegungen dazu nutzte, feine Nuancen in Leonoras Emotionen darzustellen. Ihr Duo „Pace, pace mio Dio“ war eine Meisterleistung, ebenso ihr Eintritt in den Konvent, als ihr Körper in ein Wasserbassin getaucht wird, bevor sie für ihr Gebet in schwebendem pianissimo von hinten wieder auftritt.

Bei der Eröffnung der Vorstellung am 25. Juli soll Kaufmann ein wenig angeschlagen gewesen sein, doch davon war ihm an diesem Abend nichts anzumerken und zeigte ihn mit gesanglicher und schauspielerischer Höchstleistung. Mit seiner immensen Bühnenpräsenz übernahm er sofort die Kontrolle über die Familie am Esstisch, als er die Tochter des Hauses verführte und versehentlich ihren Vater erschoss. In der anspruchsvollen Aktion bewegte er sich gewandt, ein mezza voce gebrauchte er sparsam und wirkungsvoll, und sobald er es zu vollem Gesang entfaltete, füllte er das Theater mit Kraft und Energie. 

Ludovic Tézier ist ein sehr starkes drittes Zahnrad in der Mechanik dieser Oper, und sein dunkler, aber klarer Bariton drückte sowohl autoritäre Arroganz als auch zärtliche Freundschaft aus. Die Duette des Tenors und des Baritons im dritten und vierten Akt waren alle außerordentlich gut gesungen und man konnte geradezu fühlen, dass die Bühnen-Chemie zwischen den beiden – ebenso wie die zwischen Don Carlo und Rodrigo – stimmte. Téziers Cabaletta nach Carlos Arie in Akt III („Egli è salvo! Gioia immensa“)  war besonders spannend

Nadia Krasteva meisterte die schwierige „Rataplan“-Szene gekonnt, und ihr warmer, flexibler Mezzosopran besitzt genug Kraft, um über den gewichtigen Chor und das Orchester hinweg gehört zu werden. Es war eine Freude, Vitalij Kowaljows vollem Bass zuzuhören, den er in dieser Inszenierung sowohl dem Marchese von Calatrava als auch Pater Guardiano lieh. Sein Schauspiel allerdings war, möglicherweise auf Anweisung, etwas hölzern. Renato Girolami gab einen angemessen lustigen und gleichzeitig rührenden Fra Melitone und sorgte damit für komische Momentes.

Sei es als Tavernengäste, die Wasser aus Flaschen trinken, als Soldaten und deren Geliebte oder als Mönche – der Chor bot eine durchweg beeindruckende Leistung. Das Orchester unter Asher Fisch schien besonders zu Beginn einige kleine Koordinationsprobleme zu haben, spielte aber eine rundum starke Vorstellung. Besonders bemerkenswert war der Bass, der Leonoras Arie im ersten Akt begleitete, und die Klarinette, die durch die ganze Oper hindurch immer wieder das bedeutende Thema spielt.

Eines der wenigen Probleme dieser Inszenierung ist die Notwendigkeit, den Vorhang für jeden Szenenwechsel herabzulassen, denn der fast allgegenwärtige Tisch ist die einzige Konstante des Bühnenbildes. Die Umbaupausen sind zwar kurz, aber trotzdem lang genug, um die Konzentration des Publikums gelegentlich zu unterbrechen, und auch das fahle Umbaulicht verführte so manchen dazu, flüstern ein Gespräch mit seinem Nachbarn zu beginnen..

Das Bühnenbild in den verschiedenen Szenen ist oft einfach aber geometrisch und manchmal architektonisch beeindruckend, beispielsweise das Lager im dritten Akt, und Sänger wie Chormitglieder hatten ihre choreographierten Bewegungen extrem gut einstudiert. Das eindrucksvollste Bild schließlich war das des Haufens von großen, weißen Kreuzen in der letzten Szene, ein Zeichen für Leonoras Eremitage, die ihr jedoch offensichtlich keine anhaltende Ruhe verschafft, und sie verlangt nach Frieden, als sie sich unter den Kreuzen hervor kämpft. Leonora stirbt an Unterdrückung durch ihre Familie und ihre Religion, und ihr Geliebter bleibt der Ausgestoßene, der er zu Beginn der Oper war.

Aus dem Englischen übertragen von Hedy Mühleck.
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