Andreas Kriegenburgs Ring an der Bayerischen Staatsoper machte in der vergangenen Woche mit dem Rheingold einen etwas schwerfälligen Anfang, und ich wusste nicht, was ich von der zweiten Oper des Zyklus' erwarten sollte. Sie hat mich sprichwörtlich umgehauen mit Gesang, Schauspiel und Orchester. Eine bessere Walküre kann man sich kaum vorstellen.

Dieser Ring hat seit dem Rheingold auch ein Bühnenbild gewonnen: ein beeindruckender Baum steht zwischen Bankett-Tischen im ersten Aufzug, später wird das Dach der hölzernen Kiste, in der sich die Handlung abspielt, gesenkt, um eine zweite Ebene zu schaffen. Leichen an Stangen (mit angebrachten Zügeln) repräsentieren die Pferde der Walküren gut. Statisten und Tänzer haben dennoch viel zu tun; sie überbrücken die Kluft zwischen Siegmund und Sieglinde und führen die Walküren ein, doch sie stellen nun nicht mehr fast ausschließlich das gesamte Bühnenbild dar. Diese Balance erhält die ästhetische Anziehungskraft des Zyklus und bietet gleichzeitig einen nützlicheren Spielplatz für die Sänger.

Und diese Sänger waren brillant. Die Stars der Vorstellung waren sicherlich Klaus Florian Vogt als Siegmund und Anja Kampe als Sieglinde. Beide besitzen eine wunderbare, große Stimme, die sich mühelos gegen das Orchester durchsetzt. Vogt glänzte besonders mit seiner stimmlichen Energie und Ausdruckskraft, als er im ersten Aufzug von seiner Vergangenheit berichtete. Sein Schauspiel vermittelte seine Verzweiflung perfekt, und seine Drohung im zweiten Aufzug, Sieglinde zu töten, war erschreckend glaubhaft. Kampe zeigte ihre große Bandbreite an Dynamik und vokalen Farben (und ihre überragenden schauspielerischen Fähigkeiten) in ihrer „Wahnsinnsszene“ im zweiten Aufzug. Ihre Sieglinde hat Anflüge von bezaubernder Kindlichkeit, weshalb Hundings Übergriff auf sie besonders schwer mitanzusehen war. Von dem Moment an, an dem sie einander sahen, entstand zwischen Vogt und Kampe auch eine fantastische Chemie, und man konnte sich unmöglich nicht freuen, wenn die beiden sich küssten und am Ende des ersten Aufzugs wie im Wahn herum rollten, jeglicher moralischer Bedenken hinsichtlich Inzest zum Trotz.

Günther Groissböck klingt als Hunding besser als in der Rolle des Fasolt: Seine Stimme stand weniger im Wettstreit mit dem Orchester, und ihre Fülle war so deutlicher zu erkennen. Hunding ist fraglos ein Schurke in der Art, wie er Sieglinde behandelt. Groissböck machte das sehr deutlich, wenn er sie griff, ohrfeigte und umher stieß. Dafür bekam er seinen verdienten Nachschlag in der Form eines von Wotan dirigierten Selbstmords am Ende des zweiten Aufzugs.

Thomas Mayers Wotan war genau richtig. Das Problem der mangelnden Hörbarkeit war verschwunden, und seine Stimme blieb solide und voller Charakter. Die Walküre bietet ihm viele Möglichkeiten, um auch seine schauspielerischen Fähigkeiten zu zeigen, und sein Wotan erlebt die ganze Bandbreite an Erbitterung, Wut, Verzweiflung und Liebe. Seine Kopfschmerzen während seines Streits mit Fricka waren besonders komisch, und seine Zärtlichkeit gegenüber Brünnhilde im letzten Aufzug war sehr bewegend. In der Rolle der Fricka bekommt Elisabeth Kulman in dieser Oper nur eine Szene, aber die beherrschte sie völlig. In ihrem funkelnden Kleid sah sie atemberaubend aus, war fabelhaft gebieterisch in ihrem Verhalten und dominant durch ihre schiere Stimmkraft; kein Wunder, dass sie den Streit gewann.

Als Walküre war Evelyn Herlitzius unschlagbar. Zwar gab es das ein oder andere Quietschen und manch holprigen Übergang, doch ihre Stimme war ansonsten herrlich. Aufregende, martialische hohe Cs wurden plötzlich zum Flüstern und fanden sich einen Augenblick später eine Oktave tiefer wieder; ein beeindruckend gleichmäßiges Vibrato hielt lange Noten aufrecht. Die Sängerin selbst ist klein und voller Energie; sie ließ Brünnhilde wie den leicht zu begeisternden Teenager erscheinen, der sie sein sollte. Ihre Walkürenschwestern riefen „Hojotoho!“ so gut wie sie, und ihre Stimmen passten perfekt zueinander. Sie mögen schön sein, doch sie waren auch angsteinflößend: Sie sangen und lachten in der (sichtbaren) Anwesenheit toter Helden. Susan Fosters Helmwige hob sich dabei für mich besonders hervor mit ihrem klaren Ton und ihrer starken Persönlichkeit, doch alle Walküren verdienen Lob.

Merkwürdigerweise war der kontroverseste Teil des Abend ein Tanzeinschub zu Beginn des dritten Aufzugs. Als Tänzer verkleidet als Walküren stampften und schwankten, begannen einige Zuschauer zu buhen und „Wagner“ zu rufen. Der Rest des Publikums entgegnete, natürlich, enthusiastischen Applaus bei jedem Mal. Der Tanz verdiente beides nicht: er war gut ausgeführt und stellte das ominöse Konzept der Walküren dieser Produktion anschaulich vor, doch er war eigentlich unnötig. (Wagnerabende brauchen nicht von Unnötigem in die Länge gezogen werden.)

Das Staatsorchester unter der Leitung von Kirill Petrenko hat seit dem Rheingold einige Kanten nachpoliert; in der Walküre waren keine Fehltritte zu hören, im Gegenteil: die Musik war präzise und ausdrucksvoll. Sie schien lyrischer und mit mehr legato als ich normalerweise bei Wagner erwarten würde, was eine schöne Abwechslung war. Die Tempi waren wieder rasch, und sogar die langsame Konversation von Brünnhilde und Wotan im dritten Aufzug konnten dem Schwung nichts anhaben.

Stehende Ovationen gab es für die Sänger und das Orchester beim Vorhang; sie haben es verdient für Ihren Beitrag zu einer wunderschönen, dramatischen und emotional ergreifenden Walküre. Ich war nach Kriegenburgs Rheingold nur mäßig überzeugt, aber jetzt kann ich es kaum erwarten, auch den Rest dieses Rings zu sehen.


Aus dem Englischen übertragen von Hedy Mühleck

*****