In der Hölle soll der Schuft schmoren und bleiben in der Unterwelt! „Resti dunque quel birbon con Proserpina e Pluton”, das rufen die anderen Figuren Don Giovanni nach, der kurz zuvor von der kalten Hand des steinernen Gastes ins Inferno gezogen wurde. Diese kurzen Verse ganz am Schluss dienen in der Inszenierung von David Hermann an der Bayerischen Staatsoper als Rahmen der gesamten Opernhandlung. So gedacht ist das von Mozart und Da Ponte sicherlich nicht. Im Libretto spielen die Unterweltgötter sonst überhaupt keine Rolle. Und dass sie auf Erden ihr Unwesen treiben, gibt auch die Mythologie nicht her. Aus den Verhältnissen Sterblicher halten sie sich nämlich heraus.

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Kseniya Bakhritdinova (Donna Anna)
© Geoffroy Schied

Der Höllenfluch im Libretto ist wohl eher als Metapher gemeint, aber die Regie lässt in dieser Produktion von Anbeginn das Götterpaar als Tänzer im feuerroten Ganzkörperanzug leibhaftig auftreten. Sie mischen kräftig in der Handlung mit: Pluto z.B. streckt mit einem Nasenstüber den Komtur nieder und Proserpina schlüpft mittels effektvollen Theatertricks in Don Giovannis Gestalt. Handelt er fortan durch sie gesteuert? Ist der Don nur ein Werkzeug der Götter? Wofür aber wird er dann bestraft? Am Sinn von Text und Titel (Dissoluto Punito) geht dieser Regieansatz vorbei – und am Sinn des Mythos ebenfalls. Diese Regiearbeit zieht den Irrtum durch und verliert zunehmend ein Stück Glaubwürdigkeit.

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Michael Sumuel (Leporello) und Konstantin Krimmel (Don Giovanni)
© Geoffroy Schied

Auch fehlt es der Inszenierung an dramaturgischer Geschlossenheit. Die wechselnden sehr unterschiedlichen Handlungsräume stören den dramatischen Fluss. Im grauen Sichtbeton des kargen Bühnenrahmens werden nach einander Donna Annas Schlafzimmer, ein Standesamt, ein anatomischer Hörsaal (statt Friedhof) und das etwas mickrige Festbankett am Schluss per Klappmechanismus aus dem Bühnenboden gezaubert, dazwischen mal ein trister Straßenzug für die Balkonszene. Zwar gibt es ein paar witzige Details, insgesamt bedeutet alles doch eine Verwässerung dieses genialen Opernlibrettos.

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Konstantin Krimmel (Don GiovannI), Paweł Horodyski (Masetto) und Erika Baikoff (Zerlina)
© Geoffroy Schied

In den notwenig verlängerten Umbaupausen hören wir irritierend banales Geklimper des Continuoduos mit Cello und Hammerklavier. Und wenn mal wieder Pluto auftaucht, donnert es auch ein bisschen im Orchestergraben. Der Sog aber, den Constantin Trinks am Pult sonst mit dem Orchester erzeugt, ist zum Glück gewaltig. Sein Mozartklang ist hochdramatisch, von hoher Transparenz der Stimmen und voller dynamischer Akzente.

Trotz einiger Ungereimtheiten können Rollencharakterisierung und Personenführung an sich überzeugen. So ist es Anna, die Giovanni (pantomimisch während der Ouvertüre) verführt, nicht umgekehrt. Später ist sie nicht mehr so selbstbewusst, im Gegenteil: Don Ottavio hat seine liebe Not mit ihrer Depression. Auch bleibt die Funktion Leporellos ungeklärt, weil der Standesunterschied in diesem modernen Setting entfällt.

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Julia Kleiter, Kseniya Bakhritdinova, Julian Prégardien und Konstantin Krimmel
© Geoffroy Schied

Ansonsten wirft die Regie dennoch ein interessantes Licht auf die Figurenkonstellation und gibt den Rollen klare Konturen. Natürlich helfen die Sängerdarsteller kräftig mit. Etwa wie Elvira, die als sitzengelassene Verlobte wutschnaubend das Standesamt aufmischt, in welchem kurz danach Zerlina und Masetto ihre Ehe besiegeln wollen. Julia Kleiter war die überragende Sängerin dieser Rolle und meisterte die enormen Intervallsprünge und die gesteigerte Dramatik mit ungeheurer Virtuosität. Als Donna Anna gab die ukrainische Sopranistin Kseniya Bakhritdinova ihr Debüt an der Staatsoper. Angenehm in der Mittellage, war ihre Stimme in den Höhen leider etwas spitz und kalt.

Julia Kleiter (Donna Elvira) und Konstantin Krimmel (Don Giovanni) © Geoffroy Schied
Julia Kleiter (Donna Elvira) und Konstantin Krimmel (Don Giovanni)
© Geoffroy Schied

Julian Prégardien gab einen Ottavio abseits des gewohnten Profils, der durchaus Abstand zu seiner Verlobten erkennen lässt. „Il mio tesoro intanto” sang er mit der reichen Erfahrung des Liedsängers ungemein lyrisch in wundervoller Phrasierung und mit dezenten Verzierungen. Wenngleich die Arie aus der Wiener Fassung („Dalla sua pace”) nicht zu diesem Rollenprofil gepasst hätte, rein sängerisch aber hätte man sie sich von ihm gewünscht. Und als Leporello bot der Texaner Michael Sumuel viel komödiantisches Talent auf. Zur facettenreich gesungenen Registerarie bediente er sich des Wartenummernspenders im Standesamt.

Ziemlich keck und Abenteuern nicht abgeneigt zeigte sich die Zerlina von Erika Baikoff. Eine schöne jugendlich strahlende Stimme der New Generation Artists der BBC stellte sich hier vor. Und als Masetto zeigte Paweł Horodyski die berechtigte Wut dieser Figur mit Verve. Dass in dieser Beziehung Sollbruchstellen eingebaut sind, zeigte die Regie deutlich.

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Erika Baikoff (Zerlina), Konstantin Krimmel (Don Giovanni) und Paweł Horodyski (Masetto)
© Geoffroy Schied

Und welches Profil hatte Don Giovanni? Konstantin Krimmel war sehr wohl der Verführer. Das Duettino mit Zerlina war knisternd erotisch und honigsüß floss die Canzonetta, sinnlich und rauschhaft die Champagnerarie. Aber sein diabolischer Zug, sein über Leichen gehender Narzissmus, sein verachtender Zynismus kamen kaum zum Vorschein. Krimmel war als Sänger grandios, als Darsteller ließ ihn die Regie allzu soft und fast verspielt erscheinen. Schade, denn dieser Sänger hat zweifellos mehr Potential.

Viel Licht auf der musikalischen Seite, doch auch störender Schatten seitens der Regie hinterließen einen zwiespältigen Eindruck von diesem Opernabend.

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