Es gibt legendäre Operninszenierungen, die trotz ihres Alters immer wieder die Zuschauer beim Erleben überwältigen. Die Bayerische Staatsoper hat einen derartigen Schatz in ihrem Fundus: Giacomo Puccinis La bohème in der Regie des Altmeisters Otto Schenk, der in diesem Januar 95-jährig verstarb. Auch als Schauspieler stand er 70 Jahre lang weltweit auf den Bühnen; seine Regie-Arbeiten bestechen durch eine überzeugend geradlinige Personenführung, die sich nicht auf Risiken einer künstlichen Verortung des Handlungsumfelds einlässt. Allein an der Münchner Staatsoper inszenierte er zehnmal, darunter Werke wie Richard Strauss' Rosenkavalier, Johann Strauss' Fledermaus oder Verdis La traviata und Don Carlo.

Zum Publikumsliebling entwickelte sich Schenks Bohème seit ihrer Premiere im Juni 1969. Ungezählte Wiederaufnahmen folgten, fast in jährlichem Rhythmus; auswärtige Gäste von Angela Gheorghiu bis Joseph Calleja veredelten das Werk in ihren Gastspielen. Die aktuelle Serie wird von einer Reihe von Umbesetzungen getroffen: für Sonya Yoncheva als Mimì sprangen Gabriella Reyes und Galina Cheplakova ein, auf Benjamin Bernheim als Rodolfo folgten bei den letzten Abenden Galeano Salas sowie Davide Giusti.
Die Handlung von Puccinis 1896 uraufgeführter Oper basiert auf einem Fortsetzungsroman, in dem Henry Murger 1845 bei einer französischen Zeitschrift in einer lockeren Folge von Erzählungen unter dem Titel Scènes de la bohème ein vielschichtiges Bild des Pariser Künstlermilieus zeichnete, dem auch Murger angehörte.
Bohème ist mehr noch als Hänsel und Gretel eine perfekte Oper für die Advents- und Weihnachtszeit. Das zweite Bild spielt an Heilig Abend im Pariser Quartier Latin, zum dritten Bild heißt es: „Überall liegt Schnee“. Rudolf Heinrich, Professor für Bühnenbild an der Münchner Akademie der Bildenden Künste, prägte neben Schenk die Ausstrahlung der Münchner Aufführung. Alles ist stimmig in Szene gesetzt, zeitlos, nicht überladen und doch mit vielerlei liebevoll eingefügten Details komödiantisch fein ausgestattet. Als optischer Hochgenuss überrascht die stilvolle Nachbildung der Haussmann-Fronten in den Straßenschluchten des Quartier Latin, quirlig agieren Straßenhändler, Artisten, Soldaten, Verliebte vor den Straßencafés des Künstlerviertels.
Am Ende versammeln sich die Künstlerfreunde wieder in der kargen Dachwohnung, umringen das Bett der todgeweihten Mimì: Stimmungen, die unwillkürlich an den Schluss von Verdis La traviata denken lassen. Schenk setzt da keine Ausrufezeichen, lässt alles sich natürlich entwickeln, eine menschliche Tragödie zwar, doch mit den Augen eines empathischen Betrachters gesehen, mit charmantem Wiener Lächeln empfunden. Lodernde Begeisterung ebenso wie schmerzende Bestürzung wirken nicht künstlich aufgesetzt, sondern kommen aus sorgender Rücksicht.
Mit trauriger Zärtlichkeit aus starker Liebesglut, voll von jugendlicher Hoffnung, gestaltete die russische Sopranistin Galina Cheplakova ihre Mimì. Schon kürzlich, beim Debüt als Violetta an der Staatsoper, beeindruckte sie mit ungemein wandlungsfähiger Stimme, wunderbar charaktervollen Höhen, mit schwebend leichten Portamenti. Auch der mexikanische Tenor Galeano Salas ist kein Unbekannter an der Staatsoper, bis 2018 war er Mitglied im Opernstudio, danach u.a. in der Fledermaus und Capriccio hier auf der Bühne. Als Rodolfo vermittelte er ein Höchstmaß an Emotionen: man nahm seinem intensiven Spiel ab, es nicht ertragen zu können, die geliebte Frau leiden zu sehen. Dabei legte er die stimmliche Partie erfreulich weich an, konnte in den Spitzentönen absolut klar ausstrahlen.
Temperamentvoll warf Andrzej Filończyk als Marcello seine Pinsel durch das verwinkelte Dachgeschoss. Germán Olvera, ebenfalls in Mexiko gebürtig, und der Italiener Roberto Tagliavini rundeten als Schaunard und Colline die zentralen Partien der Oper stimmlich überzeugend und mit komödiantischem Spiel ab. Die armenische Sopranistin Juliana Grigoryan, 2024 mit dem Hilde Behrens Preis ausgezeichnet und jüngst Mimì an der Metropolitan Opera, entwarf mit ihrer koloraturstarken Stimme ein gleißendes Bild der leichtfertigen und koketten Musetta. Neben ihr ein nobler Alcindoro von Martin Snell, der am Ende Musetta verliert und auf den Kosten seiner amourösen Liebschaft sitzenbleibt.
Viel Witz brachte der Oberpfälzer Bariton Christian Rieger, seit 2003 bereits an der Staatsoper engagiert, als Benoit in das Spiel. Aus dem derzeitigen Opernstudio glänzten in kleineren charaktervollen Rollen Michael Butler (Parpignol), Armand Rabot (Zöllner) und Zhe Liu (Sergeant der Zollwache).
Kinderchor und Opernchor des Staatstheaters gefielen als flanierende lebenslustige Pariser Bürgerschaft im zweiten Akt. Knisternde Spannung baute Nicola Luisotti, bis 2018 GMD der San Francisco Opera, mit dem hervorragend disponierten Orchester der Bayerischen Staatsoper auf, richtete besonderes Augenmerk auf die dynamischen Abstufungen von Puccinis Partitur: ihre Musik „atmete“, entfaltete ihren glühend einschmeichelnden Schmelz, wurde durch filigrane Soli herausragender Instrumentalisten gekrönt. Immer wieder und hoffentlich noch lange: ein Hochgenuss!

