Braucht ein Kammerorchester einen Dirigenten? Heutzutage beantworten immer mehr der einschlägigen Klangkörper diese Frage mit Nein. So auch das Zürcher Kammerorchester, dem der Geiger Daniel Hope seit 2016 als Music Direktor vorsteht. Zur Eröffnung der Saison 2026/27 und inoffiziell zum Zehn-Jahre-Jubiläum seines Einstandes präsentierte Hope in der Tonhalle Zürich ein Programm, das ganz auf ihn zugeschnitten war. Und es beantwortete darüber hinaus die Frage nach der Notwendigkeit eines taktstockschlagenden Dirigenten mit der gewünschten Klarheit.

Zur Einstimmung erklingt die Symphonie für Streichorchester Nr. 8 in D-Dur von Felix Mendelssohn. Der Frühvollendete hatte das Werk als 13-Jähriger komponiert und ein Jahr später noch Holz- und Blechbläser hinzugefügt. Das ZKO spielt die Komposition in dieser Zweitfassung. Dadurch wird sie natürlich farbiger, aber in der Substanz bleibt sie ein epigonales Werk eines Genies, das einfach alles imitieren kann. Als Hörer hätte man eher die Streicherfassung bevorzugt, denn in der Homogenität des Streicherklangs liegt gerade die Stärke dieses Klangkörpers. Nichtsdestotrotz gelingt dem Ensemble unter der Leitung des geigespielenden Musikdirektors eine lebendige und zugespitzte Interpretation.
Bei Ralph Vaughan Williams‘ Stück The Lark Ascending schlüpft Hope dann in die Rolle des Solisten. Vordergründig geht es bei dieser Komposition um ein lautmalerisches Stück, das den Gesang einer Lerche nachzeichnet, die in den Himmel entschwebt. Nach dem Ersten Weltkrieg wurde The Lark in England aber auch als Manifest des Trostes und der Friedenssehnsucht aufgefasst. Die emotionale Kraft geht ganz von der Sologeige aus. Hope trägt die Kantilenen und zwitschernden Triller in der geforderten Mischung aus Einfachheit und Kunstfertigkeit vor, wobei seine Intonation in den höchsten Höhen nicht immer ganz astrein klingt. Das Orchester, im Blech nur mit zwei Hörnern besetzt, fungiert weitgehend als Klangteppich.

Die Nagelprobe kommt am Schluss: Wie klappt Ludwig van Beethovens Symphonie Nr. 6 in F-Dur mit Kammerorchester ohne Dirigenten? Die Antwort ist klar: „It works“, würde der in England geborene Daniel Hope sagen. Tatsächlich bilden die vier Stimmführer der Streicher ein erprobtes Quartett, und bei den Bläsern ist es insbesondere der Oboist Marc Lachat, der für die Koordination sorgt. Hope kann sich darauf beschränken, bei einigen rhythmisch heiklen Stellen mal kurz zu pausieren und mit dem Bogen einige Dirigierbewegungen auszuführen. Zu Beethovens Zeit war dies sowieso die gängige Praxis. Das Spiel ohne Dirigenten trägt zudem dazu bei, dass die Musiker ausgezeichnet aufeinander hören und dadurch einen von der Kammermusik geprägten Ansatz verfolgen.
Die Problematik liegt indes woanders, nämlich im Zahlenverhältnis zwischen Streichern und Bläsern. In normalen Symphonieorchestern wird mindestens in 12er-Besetzung gespielt, also mit zwölf ersten Violinen. Beim ZKO sind es nur sechs, mit Hope zusammen sieben. Demgegenüber ist die Zahl der Holz- und Blechbläser genau festgelegt; da kann weder reduziert noch aufgerüstet werden. Mit anderen Worten: es herrscht ein krasses Übergewicht der Blasinstrumente. In der Interpretation des ZKO wird dies wettgemacht, indem die Streicher den Klang häufig forcieren, um gegenüber den Bläsern nicht unterzugehen.
Dieses Phänomen ist wohl auch gesamthaft für den interpretatorischen Ansatz verantwortlich: Hope und sein Ensemble bieten nicht in erster Linie Musik zum Zurücklehnen, sondern fordern das Publikum durch plastisches, zügiges und bisweilen aufgerautes Spiel heraus. Der Höhepunkt solcher Deutung ereignet sich im berühmten Satz „Gewitter, Sturm“ der Sinfonia pastorale. Und auch der anschließende „Hirtengesang“ ist nicht, wie oft gehört, in Weichspüler getaucht, sondern zeigt auch in seiner tröstlichen Wirkung immer noch klare Konturen.




















