Auch im zweiten Jahr nach seinem Umbau vom denkmalgeschützten Hallenbau eines ehemaligen Heizwerks zum Kulturkraftwerk im Münchner Westen hat das Bergson zahlreiche Gastspiele angezogen: so füllen neben eigenen Ensembles die Bayerische Theaterakademie August Everding oder die Bayerischen Staatsoper die eindrucksvolle Kulisse der über 100 Jahre alten, ehemaligen Industrie-Architektur mit Spiel und Klang.

Auch der Gastauftritt des Walkenried Consort, ein Kammerchor zwei Dutzend hochprofessioneller Sängerinnen und Sänger, die sich seit etwa zehn Jahren mit ihrem rührigen Leiter Clayton Bowman regelmäßig zu Probenphasen im Kloster Walkenried am südlichen Rand des Harz treffen und auf Chorreisen konzertieren, kann uneingeschränkt als gelungen gelten. An Stelle des Elektra Tonquartiers im Bergson wählte das Walkenried Consort den Auftritt auf der sogenannten Beletage, einer Fläche in der oberen Hälfte des gigantischen, beeindruckende 25 Meter hohen Atriums, dessen mächtige Silospeicher in der ehemaligen Kesselhalle optisch markante Akzente setzen. Obwohl Glas, Klinker und Beton im Gebäude dominieren, ist die Akustik alles andere als kathedralenhaft hallig: der Chorklang erscheint erstaunlich warm, Verständlichkeit der Texte und Durchhörbarkeit des Sängerensembles sind angenehm transparent. Nebengeräusche von der weiter unten liegenden Tagesbar hielten sich zumeist in Grenzen.
Nach Auftritten in Hamburg und Erfurt war München die dritte Station des Walkenried Consorts. Dort leitet der in Pittsburgh geborene Bowman inzwischen mehrere, teils von ihm gegründete Vokalensembles. Die programmatische Überschrift „Anfang und Ende“ des Matinee-Konzerts kann man als ebenso vieldeutig wie nichtssagend empfinden; darunter versammelten sich allerdings Stücke aus Romantik und Moderne von höchstem technischem Anspruch, von denen die englischsprachigen im hiesigen Sprachraum dazu äußerst selten zu hören sind.
Ein vorzüglicher Clou zog gleich zu Anfang die Zuhörer in seinen Bann, indem Inga Balzer-Wolf, Sängerin der Solostimme in Aaron Coplands In the beginning, herausgehoben auf einer Balustrade an der gegenüberliegenden Hallenwand, mit „God created the heaven and the earth“ begann. Im Gegensatz zu Haydns Oratorium hat Copland für die atemberaubend schöne Darstellung der Schöpfungsgeschichte aus dem Ersten Buch des Mose eine rein vokale Besetzung gewählt, in der die Solistin insbesondere die Gedanken und Zufriedenheit des Schöpfers wiedergibt, der Chor im psalmodierendem Wechsel mit der Solistin ein plastisches Bild des Entstehens, des „in Gang Kommen“ ausdrückt. Trotz des scheinbar großen Abstands zwischen Solistin und Sängern stellte Bowman eine dichte klangliche Bindung her, zwischen der liebevoll chorischen Beschreibung des Schöpfungsgeschehens und der betörend schönen, glasklaren Sopranhöhe der Solistin, die in Gottes wiederholtem Wohlgefallen gipfelte: „And God saw that it was good“.
Der 1970 geborene Eric Whitacre wurde zur Ausnahmeerscheinung unter den zeitgenössischen Komponisten, indem er sich auf äußerst meditative chorische Vertonungen konzentrierte, die man als „neo-impressionistisch“ bezeichnen kann. Aus der alttestamentlichen Vorlage des Buchs Samuel stammt When David Heard (1999); Davids Trauer um seinen verlorenen Sohn Absalom machte das Ensemble zum Klagegesang von hypnotischer Schönheit, in dem sie die perfekte Balance zwischen Klang und Stille fanden, wo Rufe voller Schmerz, stockendem Herzschlag des leidenden Vaters im ergreifend wiederkehrenden, verlöschenden „My son!“ endeten.
Wenn Arvo Pärts Chorliteratur auch in ihrer Klanggestalt Whitacre ähnelt, so sind es doch durch Rückbesinnung auf einfache, von alten Harmonien geprägte Motivik und gläubigem Ausdruck beseelte Kompositionen, die ihren eigenen Reiz entfalten. Which was the Son of… besteht fast ausschließlich aus Namensfolgen – dem Stammbaum Jesu, beginnend von dessen Vater Joseph, in langer Litanei über Isaac und Abraham bis auf Seth, Adam und Gott Vater. Wie bei allem Ernst darin auch Pärts Schmunzeln zu entdecken ist, machte das Walkenried Consort im lockeren Wechsel der Betonungen hörbar.
Bei Rudolf Mauersbergers Klagegesang nach der Zerstörung Dresdens war die Fassungslosigkeit zu spüren, die auch hinsichtlich aktueller Geschehnisse in Gaza oder Charkiw aufkommen muss. Robert Schumanns Blick in des Himmels Ferne, An die Sterne mit eigenem Text über „Strahlen bessrer Welt“, bildete schließlich den zarten, versöhnlichen Abschluss, wiederum mit üppigen vokalen Harmonien, von Bowman perfekt abgestimmt und vermischt. Winterlich weihnachtliches mit Gustav Holsts In the Bleak Midwinter als Verbeugung für herzlichen Beifall.

