„Ein Lulli wird gerühmt; Corelli lässt sich loben; Nur Telemann allein ist über's Lob erhoben.“ Diese Anerkennung des Zeitzeugen Matthesons ist leider allzu schnell und lange in Vergessenheit geraten, sein Bild seitdem von Missachtung und Vorurteil geprägt worden. Seit dem stärkeren Aufkommen der sogenannten Alte-Musik-Bewegungen aber wird nach und nach von einigen der Versuch einer Rehabiltation unternommen, bei dem von Anfang an auch Concerto Köln beteiligt war. Da darf zu Telemanns 250. Todestag das Festkonzert des Ensembles nicht fehlen, das einmal mehr seiner einzigartig wiedererkennbaren musikalischen Sprache, seinem Ideenreichtum und Humor, eigentlichen Einfluss und beschrittenen Vorausgang huldigte. So erschienen in dem kleinen Querschnitt seines Schaffens Schäfer, Frösche und Krähen; Sopran Sophie Karthäuser sang seinen letzten, aussagekräftigen, charakteristischen Federstrich.

Concerto Köln © Harald Hoffmann
Concerto Köln
© Harald Hoffmann

Begann diese Feier noch scheinbar traditionell mit einer französischen Ouvertüre, erst ehrwürdig und herrschaftlich, dann federnd und spritzig, verbreitete das Orchester mächtig Laune in der „Alster-Ouvertüre“, als Bass und Hörner in der „canonierenden Pallas“ kräftige Schnaufer in die Läufe prusteten. Die Einfälle untermalte Concerto Köln mit fast unübertrefflicher Dynamik, dem energischen Einwerfen der mitreißenden Motive und der auskostenden Inszenierung des Kuriosen, alles optimal ermöglicht und ausbalanciert durch ihre geübte stehend-antiphone Aufstellung, dem Jubiläum und den Besetzungsanforderungen gemäß um je eine Streicherstimme erweitert. Dieses musikalische Kuriositätenkabinett Telemanns erheiterte zunächst im abwechslungsreich gestalteten „Echo“ von Streichern und Hörnern, in dem das ständig ausprobierte Rufen und dessen Rückhall durch verschiedene Tonlängen und Phrasierungen besonders effektvoll und realitätsnah zelebriert wurde. Imitierte erst die Bassgruppe harten, walkenden Schlages die „Hamburgischen Glockenspiele“, fügten sich die übrigen Instrumente präzise und umherspielend darin ein.

Diese Gruppe bestimmte dann den in Hamburg überaus traditionellen, feierlich begangenen „Schwanengesang", für den Violinen, Oboen und Hörner unisono ihre harmonischste, fließendste Eleganz prunkvoll zum Besten gaben. Mit dem größten Kontrast kokettierend sollte Telemann Musiker und Hörer dann aus der Stadt in die umliegende Landschaft entlang der Elbe führen, indem man mit eingängiger Verschroben- und Einfachheit der „Schäfer-Dorfmusik“ begegnete. Dafür bliesen die Jagdhörner mit Sforzati schön laienhaft schräg ins Rohr und die Streicher lieferten die folkloristische Melodie und Rhythmik. Höchstnaturalistisch krakeelten in tieferer biotopischer Betrachtung danach Frösche und Krähen um die Wette, herrlich verdeutlicht durch crescendierende Quaker der Streicher und schiefen Hörner, denen derb schrubbende Celli, später alle Bogenkünstler frech hineingrätschend antworteten. Nachdem Hörner verschnaufen und sich das Publikum von diesem außerurbanen Schreck beim „ruhenden Pan“ mit einer sordino-Streicher-Continuo-Elegie – dynamisch und phrasiert verzückt – erholen konnten, beendete man den Ausflug mit einem furiosen, gleichsam Suite-rahmenden Finale. Im überschäumenden, gefälligen Haudrauf rasten alle in vorzüglicher, ansteckender Lebendigkeit zum nächsten Programmpunkt.

Und dort verbreiteten die Frösche abermals ihre Laute. Konzertmeisterin Mayumi Hirasaki, die alle Musiker mit ihren Einsätzen und Vorgaben in Kompaktheit und überspringendem Groove fest im Griff hatte, machte aus dem Violinkonzert „Die Relinge" eine wahre Show. Ungläubig blickte sie in die Reihen der Philharmonie, als sie kratzend und unsauber die ersten Quakgeräusche von den Saiten ließ. In packender Rhythmik vermochte sie, die Froschchöre zusammenzutrommeln sowie die Farb- und Stilverläufe höchst spannend zu gestalten. So verdeutlichte Concerto Köln in exzellenter Weise die bewussten Kontraste, sodass aus den disharmonischen Witzen die wunderbar ansprechenden Melodien noch schöner wirken konnten.

Dies mag den schärfsten Kritiker Telemanns vielleicht gerade auf den Plan rufen. Jedoch muss eben er eingestehen, dass sich das Gewässer-Adagio, im gefühlvollen, leicht wiegenden Pianissimo grandios effektreich dargeboten, nicht hinter Vivaldi, Händel oder Bach zu verstecken braucht. Hirasaki hauchte darin virtuos, zart und mit aller solo-inter-pares-Klarheit die atmosphärischen hohen Klänge, die sie im Da Capo ansprechend variierte. Nicht verdacht werden kann zudem der in dieser Mischung und dem Ideeneinbau liegende Erfolg, der sich nach dem zirpenden Menuet altertivement mit fulminantem Double in stürmischem Applaus offenbarte.

Kommunizierte die Leiterin mit Publikum und Ensemble schon so gut in den Stimmen der Natur, erfreuten sich alle am nächsten Highlight. Sprachen die Flöten in den langsamen Sätzen des Doppelkonzerts TWV 52:e1 herzenswarm und galant miteinander – die Traversflöte Marion Moonens noch weicher als die phrasierter agierende Blockflöte Cordula Breuers –, rissen die Musiker jeden mit den rauschhaften polnischen Folk-Tänzen mit. Dabei warfen sich die Instrumente die Girlanden im knackig-wallenden Rhythmus in abwechselnden Kontern so zu, dass man – zumal immer in Ausdruck und Tempo zum Schluss gesteigert – statt nur kräftig mitzuwippen beinahe mitspringen und -johlen wollte.

Auf gleichsam ungewöhnlich ausgebreitetem wie dichtem Raum sollte Telemann sein spezielles Vermächtnis in der Kantate Ino hinterlassen, für deren Dramatik und klassischere Anlage Orchester und Solosopran vorzügliche Lichtsetzer waren. So sang sich Sophie Karthäuser in dynamischer und deklamatorischer Schärfe in Rage, bei der ihre enge Führung und ihr gleichzeitig glänzendes Timbre, bei der lediglich zwecks Verständlichkeit und der flinken Wechsel zwischen Rezitativ und Arioso/Arie das Vibrato etwas weniger hätte zum Einsatz kommen können. Vor allem die Streicher ließen ihren Dampf in wilden Brausern ab. Wie flehende Einschübe des Mitleids expressiv einflossen, genauso elegant, gelöst und fortdrängend strahlte Karthäuser in den Bravourstücken „Meint ihr mich?“ und „Tönt in meinen Lobgesang“, in denen mit Concerto Köln alles zirkulierte und deren traumwandlerische Intonation zur Perfektion des Abends passte. Zu Telemann eben. Lebe er ewig so hoch weiter!