Der Titel von Verdis La forza del destino schien mir schon immer eine Fehlbezeichnung: Es entfaltet darin einiges an Macht seine Wirkung, doch es ist die Macht des Rassismus, des Hasses, der Reue und der Rache. Wie genau das Schicksal ins Spiel kommt, ist nicht klar. Für Regisseur Martin Kušej ist das Wort „Schicksal“ eine Chiffre für die katholische Kirche, oder vielmehr „jede Religion, die eine Gemeinschaft der Macht erschaffen und pervertiert hat.“ Seine aktuelle Produktion an der Bayerischen Staatsoper ist eine intelligente und einfallsreiche Umsetzung dieses Konzepts.

Der gütige Mönch Pater Guardiano ist kein anderer als die Wiedergeburt von Leonoras autoritärem Vater, beide gesungen vom gleichen Bass mit der weichen Stimme, Vitalij Kowaljow. Seinen Kumpanen Fra Melitone, gesungen von Ambrogio Maestri (absolute Luxus-Besetzung für eine vergleichsweise kleine Rolle), sah man zuvor als Familienkaplan der Calatravas. Guardianos Mönche sehen einem Portrait einer ganzen Reihe von Leonoras Ahnen erschreckend ähnlich, während ihre steinige Einsiedelei aus zerbrochenen Kreuzen errichtet ist. Die Kriegsszenen im dritten Akt bekommen einen religiösen Oberton, tragen sie sich doch in den Resten eines Abu Ghraib-ähnlichen Lagers zu: hier lässt es eine relativ zurückhaltende Produktion ordentlich krachen und gibt eine brillante Darstellung des Elends und der Schäbigkeit, die ein Krieg mit sich bringt.

Die Besetzung wurde angeführt vom Dream-Team Anja Harteros als Leonora und Jonas Kaufmann als ihr Geliebter Don Alvaro. Beide zeigten die Qualitäten, die sie so gefragt machen – fabelhaft klingendes Timbre, sorgfältige Phrasierung, dramatisches Schauspiel und Stimmen, die bei jeder Note felsenfest stehen, ganz gleich wie hoch, wie tief, wie lang, und wie anspruchsvoll die Passage. Doch der Abend gehörte Harteros, deren Leistung bisweilen atemberaubend war. Ihre Bitte an Gott, sie nicht zu verlassen ("Pièta di me, Signore, Deh non m'abandonnar") war eines der außergewöhnlichsten ins Nichts verklingenden Pianissimi, die je gehört habe.

Trotz all dieser Qualität aber nahm das Zusammentreffen der Liebenden in der ersten Szene des ersten Aktes, sonst ein so gewaltiger Kessel widersprüchlicher Emotionen, merkwürdigerweise keine rechte Gestalt an. Zum Großteil lag das daran, dass das Orchester nicht exakt war. Es war nichts falsch an Dirigent Asher Fischs Ansätzen: seine Tempi waren gut, auch dynamische Kontrolle und Balance waren in bester Ordnung. Aber dem Spiel fehlte Biss. Besonders in dieser Szene ist die Partitur von La forza del destino stark akzentuiert und das Orchester war einfach nicht zusammen genug, um sie durchschlagend umzusetzen. Das Gleiche galt für den Chor im Dorfgasthaus in der zweiten Szene. Nadia Krasteva gab eine ansprechende, wissende Preziosilla, aber der Chor war eher fransig. Die Sänger fanden jedoch in den religiösen Chören zu ihrer Leistung, in denen die starken Einflüsse der russischen Liturgie (die Oper wurde in St. Petersburg uraufgeführt) die Seele beruhigte und rührte.

Und von diesem Punkt an wurde die Vorstellung immer besser. Simone Piazzola, der Ludovic Tézier ersetzte, zeigte eine ergreifende Darstellung des rachsüchtigen Carlo. Der Großteil der Rolle besteht aus Duetten mit Alvaro, und Piazzolas recht tenorähnlicher Bariton, sehr klar und kraftvoll in der oberen Lage, verband sich darin eher mit Kaufmanns baritongleichem Tenor, anstatt ihn zu kontrastieren. Ihre feindselige Szene im vierten Akt, in dem die beiden Feinde untrennbar zusammengeschlossen werden, war faszinierend. Piazzola mag nicht Kaufmanns völlige Festigkeit in allen Lagen haben, aber er erwies sich als mehr als würdiger Partner.

Das abschließende Trio unterstrich ein weiteres Mal, welch wundervollen Stimmen wir da lauschten, und beschloss eine denkwürdige Produktion und einen wunderbaren Opernabend, der mit einer besseren Orchesterleistung ein unvergesslicher gewesen wäre.


Aus dem Englischen übertragen von Hedy Mühleck

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