Wochenlang hielt der eisige Winter Norddeutschland in Atem, plötzlich ist der Frühling da. Strahlender Himmel, frühsommerliche Temperaturen – und doch liegt bei einem Blick auf die Natur noch etwas von der erstarrten Kälte des bisherigen Jahres in der Luft. Ähnlich verhält es sich an diesem Abend im Kuppelsaal in Hannover: Das London Philharmonic Orchestra unter Karina Canellakis entfaltet Wärme und Leuchtkraft, muss sich jedoch immer wieder gegen eine Akustik behaupten, die Zwischentöne verschluckt und Klangverdichtungen verflacht. Gerade in dieser Spannung entsteht ein Konzert, das vom Kontrast lebt – nicht alles blüht sofort, manches muss sich erst freikämpfen.

Jean Sibelius' Pohjolan tytär eröffnet den Abend mit einem theatralisch-mystischen Grundton. Dunkle Streicherflächen steigen auf wie Nebelschwaden über einer nordischen Landschaft, ehe ein elegisch mäanderndes Cello-Solo die Szenerie durchzieht – eine erzählende Stimme, die weniger berichtet als beschwört. Canellakis dirigiert forsch und präzise, gibt den lichten Momenten ebenso Raum wie den schattigen. Doch der Kuppelsaal erweist sich als Widerpart: Feine Abstufungen verlieren sich, Verdichtungen erreichen nicht immer die notwendige Schärfe. Das Mystische bleibt spürbar, aber nicht durchgehend greifbar – als schaue man durch leicht beschlagenes Glas.
Mit Pjotr Tschaikowskys Violinkonzert rückt das Zentrum des Abends ins Licht – und hier scheint sich der Frühling endgültig durchzusetzen. Anne-Sophie Mutter stemmt sich im ersten Satz mit filigraner Schwerstarbeit über die akustischen Tücken des Saals hinweg. Ihr Ton ist vollmundig, das Vibrato bewusst gesetzt, nie bloß Effekt, sondern Ausdruckswille. Schnell wird klar: Hier geht es nicht um makellosen Perfektionismus, sondern um das Spüren und Erspüren, das Leben und Erleben der Musik. Es ist als wehe ein erster warmer Windstoß nach frostigen Monaten durch den Saal.
Canellakis erweist sich als feinfühlige Partnerin, lässt das Orchester zurücktreten, wo es nötig ist und formt die Gegensätze mit wachem Gespür. Schwelgerische Bögen kippen in aufbrausende Ausbrüche, Introspektion wird Projektion. Die Kadenz gerät zum emotionsgeladenen Zwiegespräch, das Publikum bereits hier spürbar ergriffen. Spontaner Applaus nach dem ersten Satz.
Das emotionale Zentrum des Werkes ist jedoch zweifelsohne die folgende Canzonetta. Mutter beginnt ihr Spiel fast farblos, etwas schroff, fahl. Der Klang scheint nach Atem zu ringen. Aller Schmerz der Welt in diesen Momenten hier versammelt? Mit nur wenigen Linien trifft die Geigerin, die dieses Jahr ihr 50-jähriges Bühnenjubiläum feiert, Herz und Magen zugleich – plötzlich sitzt ein Kloß im Hals, leise, aber unabweisbar. Erst in der Wiederholung beginnt der Klang zu atmen, saugt gewissermaßen wieder Sauerstoff ein, um sich Raum zu nehmen. Mutter gelingt ein bewundernswerter Spagat zwischen Zerbrechlichkeit und Fülle, zwischen tastendem Zweifel und bestimmter Aussage.
Im Finale dann ein Tanz auf der Rasierklinge: Canellakis dehnt und strafft die Tempi, Mutter reagiert blitzschnell, lotet Tschaikowskys Stimmungsumschwünge in all ihren Facetten aus. Eine Emotionsachterbahn, dunkel grundiert, doch von funkelnder Virtuosität durchzogen. Orchester und Solistin peitschen sich im besten Sinne gegenseitig an, der Klang umarmt den Saal, ein grandioses Finale. Das Publikum lässt sich mitreißen, teils stehender Applaus. Mit der Zugabe, dem innigen Song aus Tango, Song and Dance von André Previn, kehrt eine persönliche, beinahe intime Note ein. Ein stiller, warmer Nachklang zu Tschaikowskys Meisterwerk.
Nach der Pause hat selbst Beethoven es schwer, gegen diese Eindrücke anzukommen. Die Symphonie Nr. 7 zeigt besonders deutlich die akustischen Grenzen des Kuppelsaals. Canellakis wählt ein zackig-kantiges, klar konturiertes Dirigat, historisch informiert mit Naturtrompeten, präzise und klangvoll. Das Orchester bleibt agil, tastend, sorgfältig auslotend. Gerade im Vergleich zur vorherigen emotionalen Unmittelbarkeit wirkt die Beethoven-Interpretation zurückhaltender, als könne sich das Ensemble nie ganz dem Strom der Musik hingeben. Doch die individuelle Klangfarbe der Bläser besticht, erhält Raum zur Entfaltung und setzt markante Akzente. Vielleicht findet diese Interpretation nicht immer ihre letzte Entschlossenheit, doch sie überzeugt durch kluge Struktur und bewusste Formgebung.
So bleibt ein Abend, der wie der plötzliche Frühling nach langem Winter wirkt: Nicht jeder Schatten ist verschwunden, nicht jede Blüte steht schon in voller Pracht. Doch wo er aufleuchtet, tut er es mit Intensität – und insbesondere Tschaikowsky entfaltet eine Wärme, die den Saal für Momente vergessen lässt, wie widerspenstig er sein kann. Ein Konzert, das nicht durch makellose Oberfläche glänzt, sondern durch gelebte, spürbare Musik.
Das Konzert wurde von Pro Musica, Klassik für Hannover veranstaltet.

