In Frank Castorfs Bayreuther Inzenierung des Ring des Nibelungen dreht sich alles ums Öl. Für den Fall, das jemand das nicht mitbekommen hat, gibt es die einzigen beiden Programmhefte – ein Traktat von 2008 zum Thema Energiesicherheit, und ein Brief aus dem Jahre 1910, geschrieben auf den Ölfeldern Bakus von keinem geringeren als Joseph Stalin. In der Walküre nimmt uns die Inszenierung mit zurück in die späte Zarenzeit in Russland, und manchmal auch zu Bakus Ölfeldern. Wie bereits im gestrigen Rheingold gibt es ein einziges, sich drehendes Bühnenbild, das die volle Höhe der Vorbühne ausnutzt: Diesmal ist es eine komplexe, hölzerne Konstruktion mit Treppen und Plateaus, die nach oben zur charakteristischen Turmform eines Bohrturms führt. Der Gebrauch von live-Videoprojektionen wird beibehalten, aber reduziert.

Über Wagner kann man sagen, was man will, aber dieser Mann wusste, wie man eine Ouvertüre schreibt, die einen sofort mitten in die Handlung wirft, und Kirill Petrenko ließ das Orchester mit einem Tusch von der Leine. Die Musik, zu der Siegmund durch den Wald gejagt wird (der Vorhang blieb dabei unten, sodass wir unserer Fantasie freien Lauf lassen konnten), habe ich nie zuvor mit so prägnanten Akzenten und so ausgewogenen Tempowechseln gespielt gehört. Sie bereitete den Weg für einen exzellenten ersten Akt mit drei großartigen Sängern. Johan Botha mag vielleicht optisch nicht der heroischste Siegmund sein, aber jede seiner Zeilen birgt eine bel canto-gleiche Lyrik, kein Ton ist je angestrengt, ganz gleich welcher Höhe oder Dauer. Anja Kampe habe ich bereits zum zweiten Mal in diesem Jahr als Sieglinde gesehen, und sie war diesmal beinahe so beeindrucked wie zuvor, mit ihrer Stimme, die für einen Wagner-Sopran ungewöhnlich warm ist. Kwangchul Youn sang Hunding voll und resolut.

Es scheint, als habe Castorf die Intimität des ersten Aktes dahingehend respektiert, dass die parallele Ölgeschichte sich erst am Ende des Aktes bemerkbar machte, in dem gleichzeitig mit der Ankunft der magischen Waffe Nothung (zu meiner Überraschung ein echtes Schwert) die Türen zur Eisenbahn aufgestoßen werden, die Öl transportieren soll, derweil die Videoprojektionen Ausschnitte einer Wochenschau der frühen industriellen Ölproduktion in Baku zeigen (wo, wie Wikipedia mir verrät, schon im dritten Jahrhundert Öl gewonnen wurde). Auch Stalin bekommt seinen Auftritt auf der Titelseite der Pravda, sowohl in den Projektionen als auch später vermittels richtiger Zeitungsblätter, die über die Bühne geblasen werden. Im dritten Akt verbinden sich die beiden Handlungsstränge ein wenig mehr miteinander: die Helden, die von den Walküren gebracht werden, sind noch nicht ganz tot, und sie alle halten rote Flaggen, als sie tot auf der obersten Plattform des Bohrturms zusammen brechen (der im Übrigen einen roten Neonstern an der Spitze bekommen hat), während die Walküren ein eindeutig sekuläres Mahl genießen.

Der zweite Akt erreichte zu Anfangs keine so musikalischen Höhen wie der erste, denn zu meiner Enttäuschung war die Chemie zwischen Wolfgang Kochs Wotan und Claudia Mahnkes Fricka kein so explosives Gebräu wie gestern. Koch allerdings war unübertroffen in Wotans reflektiven Momenten, und Catherine Foster gab eine sehr gute Brünnhilde. Petrenko hatte den Pathos-Regler voll aufgedreht, als das Orchester ihr Duett mit Bothas Siegmund begleitete, als er die Bedeuting von Liebe, und wir im Publikum die Leitmotive entdecken, die den Untergang der Wälsungen ankündigen.

Das Bühnenbild hat sich in jedem Akt verändert und ist nun im dritten eine vollständige Ölinstallation. Im allgemeinen war dieser Akt passend, aber nicht wirklich packend. Der Walkürenritt war weder in der Bühnenhandlung noch musikalisch besonders dynamisch, und in den später en intimen Momenten wurde meine Aufmerksamkeit durch eine Reihe Stummfilm-Nachrichten aus dem Baku 1942 von der Musik abgelenkt (als die Schlacht von Stalingrad Hitlers Truppen den Zugang zu den Kaspischen Ölfeldern verwehrte). Wichtige Zwischentitel wurden dabei auf Russisch eingeblendet, das ich weder lesen noch sprechen kann, das allerdings in Castorfs Erziehung und Ausbildung in der DDR sicherlich obligatorisch gewesen ist. Ich konnte Kochs und Forsters Gesang schon trotzdem genießen, das aber womöglich weniger, als er verdiente.

Mein Fazit: Eine durchwachsene Walköre mit wahrer musikalischer und stimmlicher Exzelleny, besonders im ersten Akt, und einer Inszenierung, die rätselhaft bleibt, über die man sich aber vor dem Ende des Zyklus noch keine endgültige Meinung bilden sollte...

 

Hier können Sie auch die anderen Kritiken des Zyklus lesen:

Aus dem Englischen übertragen von Hedy Mühleck

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