Am Anfang ein Überraschungscoup: während bis dahin ein großes Solistenkonzert mit dem dicht gewebten Klangteppich des Orchestertutti eingeleitet wird, macht Ludwig van Beethoven diesmal alles anders. Es ist wie eine kleine Revolution in der Stille: das Hauptthema wird vom Solisten präsentiert, er hat im piano dolce das erste Wort, dann erst greift das Orchester ein. Und da Beethoven weiß, dass der Wert eines Kleinods mit seiner Seltenheit steigt, wiederholen sich diese magischen fünf Takte nicht mehr im originalen Satz. Zum letzten Konzert hatte das Symphonieorchester des BR in den Münchner Gasteig eingeladen, der in den kommenden Jahren einer gründlichen Renovierung unterzogen wird; am Pult debütierte Edward Gardner, seit 2015 Chefdirigent des norwegischen Bergen Philharmonic Orchestra.

Igor Levit
© Astrid Ackermann

Mit ihrem diesjährigen Artist in Residence haben die Musiker des BRSO bereits vier Klavierkonzerte von Beethoven präsentiert; eine musikalische Sternstunde durften die Zuhörer nun mit Igor Levit beim Konzert G-Dur, Op.58 erleben. Ganz zart, ja scheu hatte Levit sich, auch körperlich, dem ersten G-Dur-Akkord genähert, dann diesen leicht auseinander gefächert, mit unendlich feinfühligem Rubato das Hauptthema vollendet. Ebenso dezent übernahmen die Streicher die lyrisch-innige Grundstimmung, beschwor das Orchester auch im rhythmischeren Seitenthema den duftigen Zauber verblüffender Farbspiele der Harmonik. Ein glückstiftend ausgeglichener Dialog zwischen den Partnern: wahre Wunder an Wandlungsfähigkeit durchlief das Hauptthema, Konzertieren hieß da menschliche Emotion auf Händen zu tragen.

Faszinierend, mit nie virtuos herausgestellter Phrasierungskunst gestaltete Levit auch die eigene freie Kadenz, in der er die Energie des Seitenthemas mit fast spätromantischer Attitüde aufnahm, Motivteile hervorhob, aufleuchten ließ, in den Ruhepunkt des G-Dur-Themas zurückführte.

Umsichtig und zügig, ganz ohne aufgesetzte Dramatik leitete Gardner das Orchester in das Andante con moto, spielte mit Levit bewusst den betonten Gegensatz zum Klavierpart aus, der wie flehend besänftigend sich den herb schroffen Einwürfen des Orchesters entgegensetzte. Fast wie ein Uhrmacher die Teile seines winzigen Uhrwerks zusammenfügt: so wendete, wog und wandelte Levit Töne und Harmonien zu kostbaren Klängen, in individuelle Schattierungen, zum atemlosen Pianissimo am Ausklang des Satzes. Die tragische Antithese des Andante war im Schluss-Vivace dann überwunden, unbeschwert und mit dem für Beethoven typischen Brio brillierte Levit in rasanten Läufen, der Solocellist in sinnender Gesangslinie, die Hörner mit glitzernd markanten Einwürfen, herrlich strahlende homogene Streicher.

Edward Gardner
© Astrid Ackermann

Die Zugabe machte Levit zum Requiem für seinen vor einer Woche verstorbenen Freund, den amerikanischen Komponisten Frederic Rzewski: walking bass, hämmernde Akkorde, artistische Improvisationen im atemberaubenden Winnsboro Cotton Mill Blues. Eine zutiefst verblüffende Entdeckung!

Ob Edward Gardners Geburtsort Gloucester, so nah an Elgars Malvern-Hills-Heimat, seine Liebe zu dessen Klangkosmos angestoßen hat? Bereits bei Beethoven hatte er das Orchester mit einer Vielzahl individueller Impulse befeuert, gefiel in seinem jungenhaft sympathischen Elan. In den Enigma-Variationen bewies er Gespür für Elgars Tonsprache wie nur wenige, legte Wert auf die innere und äußerliche Stimmigkeit von kammermusikalischer Nah- und gesamtorchestraler Fernsicht dieser sanglichen Hügellandschaft, ließ scheinbar Übervertrautes neu entstehen. Auf schnöden Pomp und trivial aufgedonnerte Circumstances verzichtete er, arbeitete in den vierzehn Variationen vielmehr Temperament und Charaktere von engsten Freunden, aus Elgars Familie oder musikalischem Umfeld, liebevoll heraus.

Die Identität dieser Personen hatte Elgar ursprünglich durch Kürzel in den Variationstiteln lediglich angedeutet; nur die Dargestellten selbst sollten sich erkennen: so seine bestimmend und quirlig auftretende Gattin in Nr. 1, die Bratschistin im anrührenden Streichersolo der Nr. 6, der geschäftige Künstler und Architekt in Paukensolo und Posaunenwucht der Nr. 7, feinsten ergreifenden Adagio-Schmelz im Nimrod für den vertrauten Förderer und Verleger im Londoner Verlagshaus Novello. Wunderbar warmherzig und spontan erklangen diese Bilderrätsel-Studien unter Gardners Händen, traumhafte Soli leuchteten aus dem Orchester heraus, und selbst das aufbrausende Finale mit Orgeleinsatz hatte einfach Größe an Stelle von viktorianischem Bombast. Wahrhaft Denk-Würdig; was für ein Ausklang beim Abschied aus der Gasteig-Philharmonie!

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