Eine Pariser Vorstadt-Episode, Tränendrüsenalarm im Kloster und ein mittelalterlicher Erbschaftsstreit – was zunächst nach einem Auszug aus einer Fernsehzeitung klingt, versuchte Giacomo Puccini im Jahr 1918 in Il trittico zu einem klangvollen Abend zusammenzufügen. An der Bayerischen Staatsoper wurde der Dreiteiler nun von Lotte de Beer mit großem Erfolg neuinszeniert.

<i>Il tabarro</i> © Wilfried Hösl
Il tabarro
© Wilfried Hösl

Drei kurze Einzelstücke – Il tabarro, Suor Angelica und Gianni Schicchiergeben ein musikalisches Triptychon, welches thematisch nur der Tod verbindet: Der Tod für die Sünden, die Himmelfahrt und schließlich die Auferstehung von den Toten. Tragisch, sentimental und komisch zeigt sich der morbide Dreiklang so vielschichtig wie das wahre Leben. Puccini beleuchtet den Lebensabend von all seinen Seiten und mit all seinen Facetten, schwelgt in der Vergangenheit, der Gegenwart und blickt in die Zukunft.

Auf diesem allzu menschlichen Tableau breitete an diesem Abend Generalmusikdirektor Kirill Petrenko die ganze Bandbreite seines Könnens aus. Meisterlich verstand er es jede einzelne Szene akzentreich und ausdifferenziert zu begleiten. Nie drängte sich das Bayerische Staatsorchester in den Vordergrund – nur eben dann wenn es musste. Etwa wenn die Fürstin Schwester Angelica offenbart, dass ihr Kind schon vor zwei Jahren gestorben sei, ohne je die Fürsorge der Mutter gespürt zu haben. Dann wird es kurz monumental, aber nicht minder vielschichtig. Es ist genau dieser Petrenko’sche Feinklang, der dem Publikum über den gesamten Abend schlichtweg den Atem raubte.

<i>Suor Angelica</i> © Wilfried Hösl
Suor Angelica
© Wilfried Hösl

Dass Bernhard Hammer auf der Bühne über alle drei Stücke hinweg nur den gleichen trichterförmigen Aufbau zeigt, stört dabei keineswegs. Im Gegenteil! Auch dieser uniforme Aufbau ist in drei Teile, allesamt beweglich, gegliedert und fokussiert mit wenigen Schlaglichtern die Belanglosigkeit der Handlung in Perfektion. Ob Michele auf seinem Kahn über die Unzucht seiner Frau klagt, ob Schwester Angelica in ihrer Zelle endlich auf Nachricht von ihrem Sohn hofft oder ob Gianni Schicchi im Schlafzimmer den bereits verstorbenen Buoso mimmt – was spielt das schon groß für eine Rolle? Sie alle sind, auf ihre Weise Gefangene ihrer kleinen Welt, möchten ausbrechen aus ihrem Dasein.

Wenn an dieser durchweg gelungenen Inszenierung von Lotte de Beer etwas beklagt werden kann, dann vielleicht der etwas lieblosen Entwurf für die finale Komödie. Die Kostüme erinnern eher an ein provinziales Burgfest und ob die Darsteller nun unbedingt ihre Hosen ausziehen mussten, während Schicchi mit ihnen sprichwörtlich das selbe macht, bleibt ebenfalls fraglich. Doch dann erinnert man sich an die großartige Himmelsfahrt-Szene aus Suor Angelica, als dieses monumentale Lichtkreuz alle Sinne raubt, und alles ist gut.

<i>Suor Angelica</i>: Ermonela Jaho (Suor Angelica) © Wilfried Hösl
Suor Angelica: Ermonela Jaho (Suor Angelica)
© Wilfried Hösl

So vielschichtig wie die drei Stücke und so ausgewogen wie die Inszenierung, so überzeugend war auch die sängerische Leistung des sehr breit aufgestellten Ensembles. Sicherlich den größten Eindruck hinterließ Ermonela Jaho als unglaublich innig spielende Suor Angelica. Das große Volumen mag nicht ihre Stärke sein, aber dafür machte die Bannkraft ihres so zerbrechlich-tragischen Pianos selbst den kitschigsten Moment glaubhaft. Ihr gegenüber sang Michaela Schuster mit diabolischer Überlegenheit die Fürstin und blieb nicht weniger stark in Erinnerung.

Auch Yonghoon Lee, der an diesem Abend mit seinem kraftvoll-klaren Tenor in der Rolle als Luigi brillierte, darf keinesfalls unter den Tisch fallen. Wenn hier in der Zukunft noch etwas mehr Charakter hinzukommt, dann ist nur zu hoffen, ihn öfters an der Bayerischen Staatsoper sehen zu können. Eva-Maria Westbroek stand ihm als Giorgetta zur Seite und sang mit vibrierendem Sopran. Das muss man mögen, wirkte aber an keiner Stelle deplatziert. Auch Wolfgang Koch, als ihr düpierter Eheman Michele, beeindruckte mit seinem so düsterem Bariton.

<i>Gianni Schicchi</i> © Wilfried Hösl
Gianni Schicchi
© Wilfried Hösl

Dass Ambrogio Maestri als Gianni Schicchi zum Schluss des Abends für Begeisterung beim Publikum sorgte, war beinahe vorprogrammiert. Sein kräftiger, voller Bariton wechselte mühelos zum Falsetto und sorgte für beschwingte, aber nicht überzeichnete Komik. Sicherlich half es, dass ihm Rosa Feola, Pavol Breslik und Martin Snell so erstklassig zur Seite standen.

Am Ende dann, als Luigi ermordet, Suor Angelica in dem Himmel aufgefahren ist und Gianni Schicchi das Erbe zu seinen Gunsten verteilt hat, da schickte Lotte de Beer das gesamte Ensemble noch einmal auf die Bühne. Ein vielleicht nicht ganz so subtiler Hinweis, dass alle drei Stücke zusammengehören. Wer einen packenden und kurzweiligen Abend mit dem meisterlichen Kirill Petrenko, einem fantastischen Bayerischen Staatsorchester und einer exzellenter Besetzung erleben möchten, wird über derlei Petitessen jedoch leicht hinweggesehen können.

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