Fake oder nicht Fake – das ist in dieser Oper stets die Frage. Um ihren Sohn Nerone (aus erster Ehe) auf den Thron zu hieven, ist der Kaiserin Agrippina jedes Mittel recht. „Betrug, verlass mich nicht” ist ihr Motto, Manipulation mittels Lüge ihr Mittel. Und Barrie Kosky braucht in seiner Inszenierung an der Bayerischen Staatsoper nicht einmal Parallelen zu lebenden Personen zu ziehen, das Libretto bietet allein genug Gelegenheit, derartige Methoden bühnenwirksam aufzuspießen.

Franco Fagioli (Nerone) und Alice Coote (Agrippina) © Wilfried Hösl
Franco Fagioli (Nerone) und Alice Coote (Agrippina)
© Wilfried Hösl

Was am römischen Kaiserhof gang und gäbe gewesen sein mag und zur Zeit Händels ebenfalls wohl nicht unbekannt, hat Kosky in seiner brillanten Regie ins Heute geholt. Strategische Kommunikation nennt man heute, was Agrippina perfekt beherrscht. Mit teuflischer Schläue streut sie ihre alternativen Wahrheiten, spielt die Leute gegeneinander aus, heuchelt wenn nötig Wohlwollen oder setzt unter Druck, wenn sie anders nicht weiterkommt. Eigentlich eine verachtenswerte Person, aber eine Opernfigur eben aus dem prallen Leben: zielstrebig, wendig und berechnend.

Alice Coote füllt diese Rolle großartig aus. Alle Facetten ihrer Figur beherrscht sie mit reichen Vokalfarben. Schmeichlerisch, mit eindeutig zweideutiger Erotik kann sie säuseln, wenn sie die beiden Hofschranzen Pallante und Narciso für ihre Zwecke einspannt, scharf und giftig verspottet sie den eigentlich für den Kaiserthron bestimmten Ottone und wie berauscht kann sie überschnappen, wenn sie sich einem Erfolg nahe glaubt.

Iestyn Davies (Ottone), Gianluca Buratto (Claudio), Elsa Benoit (Poppea), Franco Fagioli (Nerone) © Wilfried Hösl
Iestyn Davies (Ottone), Gianluca Buratto (Claudio), Elsa Benoit (Poppea), Franco Fagioli (Nerone)
© Wilfried Hösl

Nicht nur in den facettenreichen Arien, vor allem in den Rezitativen kochen in dieser Aufführung immer wieder die Emotionen hoch. Koskys subtile Personenregie spitzt die Situationen präzise zu, lässt die Figuren wie im Kammerspiel agieren. Um ihrem Mann Kaiser Claudio (Gianluca Buratto) die Entscheidung abzuringen, Nerone zum Kaiser zu machen, nutzt sie nicht allein die geschickte Rhetorik des Textes, sondern baut durch eine vielsagende Pause, dann geflüstertes Fragen die Spannung dermaßen auf, dass Claudio nicht mehr zu widersprechen wagt.

In Agrippinas Spiel sind in dieser Oper alle Betrogene, aber auch fast alle selbst Betrüger, weil sich jeder irgendwelche Vorteile erhoffen kann. Wie etwa Poppea, die von gleich drei Verehrern umschwärmt wird. In ihrer Auftrittsarie erleben wir sie gleichermaßen selbst- wie luxusverliebt. Die stimmlich wie darstellerisch fulminante Elsa Benoit ließ hier mit sanften Trillern lautmalerisch die Perlen glänzen, von denen sie singt. Der Mann ihres Herzens ist Ottone, der einzige edle Charakter dieser Oper. Umso übler wird ihm mitgespielt. Als Betrüger hingestellt, aber völlig unschuldig wird er sogar noch verprügelt. Der Countertenor Iestyn Davis sang das darauf folgende Lamento mit herzzerreißender Traurigkeit.

Elsa Benoit (Poppea) und Alice Coote (Agrippina) © Wilfried Hösl
Elsa Benoit (Poppea) und Alice Coote (Agrippina)
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Koskys Regieeinfälle sind in dieser Inszenierung zwischen Tragik, Ironie und Komik weit gespannt. Der größte Coup ist Nerone vorbehalten. Am Anfang sehen wir ihn als Punkbürschen mit Kapuzenpulli gelangweilt auf die Bühne schlendern. Aber als Agrippina die Nachricht erhält, dass Claudio in Seenot angeblich umgekommen sei – was sich bald darauf als Falschmeldung entpuppt – muss aus diesem Loser ja irgendwie ein Anwärter auf den Kaiserthron werden. Der Plan, sich beim Volk mit Geschenken beliebt zu machen, wird zum ironischen Clou des Abends. Nerone startet behängt mit Klunkern und in extravaganten Glamourklamotten in der ersten Reihe des Publikums eine Charity-Offensive mit allem Drum und Dran, mit Bussi hier und Drücken da. Eine glänzende Gelegenheit für Franco Fagioli, sein komisches Talent auszuspielen. Das mit dem Kaiser Werden gelingt im Laufe der Handlung zwar nur mit einigen Widerständen, als Koloraturkönig allerdings war Fagioli an diesem Abend absolut unangefochten.

Franco Fagioli (Nerone) und Alice Coote (Agrippina) © Wilfried Hösl
Franco Fagioli (Nerone) und Alice Coote (Agrippina)
© Wilfried Hösl

Wie sehr Kosky auch den Boulevard beherrscht, ist zu erleben, wenn Poppea eigentlich nacheinander ihre drei Liebhaber (Ottone, Claudio und Nerone) in ihrem Salon empfängt. Hier aber geschieht das gleichzeitig. In einem turbulenten Bäumchen-wechsle-dich-Spiel landet einer hinter der Bar, der Andere hinter dem Sofa und den Dritten dirigiert Poppea an die jeweils freie Stelle. Das ist so exzellent auf den Punkt choreografiert, dass die Regie die Lacher auf ihrer Seite hat. Und weil sich die Situationen in dieser Oper immer wieder ändern und das Publikum mehr weiß als die handelnden Figuren selbst, funktioniert das glänzend und hält den ganzen dreieinhalb stündigen Opernabend an.

Gianluca Buratto (Claudio) und Franco Fagioli (Nerone) © Wilfried Hösl
Gianluca Buratto (Claudio) und Franco Fagioli (Nerone)
© Wilfried Hösl

Das gilt mindestens in gleichem Maße für die Musik, die unter der Leitung von Ivor Bolton höchst inspiriert und klangsensibel von vornehmlich jungen Musikerinnen und Musikern des Staatsorchesters und einer wunderbar präsenten Continuogruppe mit hörbarer Spielfreude geboten wurde. Schwungvoll, federleicht und vor allem klangfarbenreich kam Händels Musik aus dem Graben. Ab und an ließ Bolton auch musikalisch einen ironischen Kommentar setzen. Wenn Claudio in seiner pompösen Arie damit prahlt, dass ihm nach dem letzten Feldzug nun „die ganze Welt zu Füßen” liege, klingt das Trommel- und Paukengetöse in seinem Pathos ziemlich überzogen und hohl.

Wie ein Schwarzer Peter wird am Schluss die Kaiserkrone herumgereicht, die dann bei Nerone hängen bleibt. Irgendwie erschöpft und ein wenig ratlos verlassen alle Bühne. Zur abschließenden Sarabande bleibt nur Agrippina, die eigentlich am Ziel ihrer Wünsche ist, verlassen und einsam zurück. Nicht nachahmenswert ihre Strategie!

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