Von Zeit zu Zeit findet man eine Opernvorstellung, die einiges verspricht und alle Erwartungen übertrifft. Der Bayreuther Lohengrin, dessen Premiere 2010 berüchtigt war für ihre rattenreiche Inszenierung im Rahmen eines sterilen Sozialexperiments, läuft derzeit in der fünften Wiederaufnahme und ist so beliebt, dass er auch im nächsten Jahr noch einmal (zum letzten Mal) aufgeführt werden wird. An einem wolkenlosen, angenehmen Abend schufen Solisten, Chor und Orchester vorzüglich zusammen eine nahezu perfekte und denkwürdige Vorstellung.

Ich habe Klaus Florian Vogts Lohengrin seit 2008 schon oft gesehen. Seine Stimme wird gern als „chorknabenhaft“, „schwerelos“ und „ätherisch“ beschrieben, und manche Kritiker und Zuhörer empfinden es als verwirrend, wenn eine scheinbar lyrische Tenorstimme mit ihrer schieren Kraft und Schönheit durch Wagners großes Orchester dringt. Es besteht jedoch kein Zweifel daran, dass Vogt wie gemacht dafür ist, den Lohengrin zu singen, den seine Stimme drückt all das aus, was den Schwanenritter von einer anderen Welt ausmacht.

Diese Stimme hat in letzter Zeit eine etwas schwerere, stärkere Qualität bekommen, und Vogts Gesang ist jetzt vielfältiger in Farbe, Lautstärke und Charakter. Jede Vorstellung ist anders, denn er wechselt beständig die Betonung bestimmter Phrasen und nutzt Wörter mit verschiedenem Effekt. Seine Liebeserklärung an Elsa im ersten Akt beispielsweise - „Elsa, ich liebe Dich“ - war zart und zierlich, kaum gesungen; im Allgemeinen spürte man mehr Zärtlichkeit in Lohengrins Interaktion mit Elsa als ich von früheren Vorstellungen in Erinnerung habe.

Der anspruchsvolle dritte Akt zeigte Vogt in gesanglicher Bestform. Sein Duett mit Elsa im Brautgemach beginnt vorsichtig, doch Vogt gibt seinen Äußerungen bald mehr Kraft und Eindringlichkeit, und der Übergang dazu gelang ihm erstaunlich nahtlos. Er singt seine Verzweiflung in „Weh, nun ist all unser Glück dahin!“ derart sorgenvoll, das man meinen könnte, er weinte. Aber einem Ausbruch vor dem König und den Leuten von Brabant, erhebt er sich und singt „In fernem Land“ nahezu perfekt. Er ist Herr von Text und Tönen und kann jedes Wort, jeden Satz mit eigener Farbe versehen, und seine Stimme blieb immer lyrisch und stark. Das Wort „Taube“, leise gesungen, dehnte er genüsslich, doch schon im nächsten Augenblick nahm er wieder Fahrt auf. Nach dem kurzen, aber anspruchsvollen Duett mit Elsa (das in anderen Häusern oft heraus gekürzt wird) war sein letzter Schwanengruß abermals von tiefer Traurigkeit gekennzeichnet und nur mehr ein Flüstern. Hier hörte man eine Stimme von überwältigender Schönheit, Klarheit und Stärke, die einige der schönsten romantischen Musiken Wagners (scheinbar) ohne Anstrengung singt. Das Bayreuther Publikum lobte das bei seiner Verbeugung ausgiebig.

In diesem Jahr übernahm Edith Haller die Rolle der Elsa von Annette Dasch, und ich fand ihren Gesang und ihr Schauspiel äußerst zufriedenstellend. Ihren erster Satz, „mein armer Bruder!“ sang sie sauber und klar, und ich wusste, wir werden eine gute Elsa sehen. Haller sang durchweg mit glänzender, fokussierter Stimme, ihre Phrasierungen waren elegant und ihr Atmen angenehm. Sie kann ihre mittlere Lage gut färben, und ihre hohen Töne kommen offen und mit Leichtigkeit. Bei Lohengrins Auftritt in Akt I schwebte ihr Ausruf „Ha!“ wundervoll über die Musik und den Chor. Ihre Elsa ist ein gelassenes und selbstbewusstes Geschöpf, und sie ist von ihren Prüfungen eher verblüfft und verärgert, als dass sie dadurch traumatisiert und in eine Opferrolle gedrängt wird.

Sowohl Petra Lang als Ortrud und Thomas J. Mayer als Telamund wiederholten ihre Rollen und waren würdige Gegenspieler für Vogt und Haller. Ihr Duett im zweiten Akt war gut und in einem angemessenen Tempo gesungen, und Langs „Gott!“ war stark in die Länge gezogen, gefolgt von einem eisig trockenen Lachen. Ihre Darbietung war fesselnd und gleichzeitig erschreckend. Ihre Stimme scheint nur eine Farbe zu haben, aber sie ist sicher in hoher und tiefer Lage und hat eine unfassbare Kraft, das Böse darzustellen. Verdientermaßen galt ihr auch der zweitgrößte Jubel (nach Vogt) bei der Verbeugung. Mayer singt Wotan und den Holländer ausgezeichnet, und auch sein Telamund war eine wahre Freude, denn er sang sowohl hohe als auch tiefe Töne mit einer gewissen Leichtigkeit, Stärke, und der angemessenen Erregung.

Samuel Youn als Herold des Königs besaß Autorität, König Heinrich ist in dieser Produktion unglücklicherweise mit einer neurotischen Persönlichkeit beladen, und Wilhelm Schwinghammers Stimme fehlte die nötige Schwere für diese Rolle, dennoch war er mehr als geeignet für dieses großartige Sängerensemble.

Die größte Freude an einem Besuch in Bayreuth sind wahrscheinlich seine hervorragenden Musiker in Orchester und Chor. Fünf Wochen lang erschaffen sie die Magie jeden Tag aufs Neue und sind allein schon Grund genug, sich auf den Weg zum Grünen Hügel zu machen. Andris Nelson dirigierte mit viel Feingefühl, aber auch einem Gespür für Prächtiges, war den kleinen Details der Musik ebenso gewahr wie den großen Bögen. Die bekannte Ouvertüre, die mit Violinen beginnt, war schon vielversprechend, und Nelsons und sein Orchester boten durchweg Höchstleistung. Musikalische Übergänge wurden oft zurückgenommenem und langsamer gespielt, aber die dramatischen Passagen nahmen sie mit angemessenem Tempo. Sänger scheinen mit seinen Tempi immer gut zurecht zu kommen, und die berühmte Bayreuther Akustik unterstützte den Gesang noch zusätzlich. Die Blechbläser waren im zweiten Akt makellos, und in der Ouvertüre zum dritten Akt hoben die Streicher und Holzbläser die Feinheiten wundervoll hervor. Der Männerchor war gut einstudiert und beeindruckte besonders bei Lohengrins erstem Auftritt, wo die Sänger zunächst zurückhaltend begonnen, dann aber in einem grandiosen Crescendo an Intensität zulegten, und auch ihre Szene mit dem Heerrufer des Königs im zweiten Akt war wundervoll gesungen und choreographiert.

Aus dem Englischen übertragen von Hedy Mühleck

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