In diesem Jahr erfährt John Copleys 41 Jahre alte Inszenierung von La bohème ihre letzten Aufführungen, und die Royal Opera begeht diesen Anlass mit einem Paar der großen Namen, Joseph Calleja und Anna Netrebko als Rodolfo und Mimi (zu einem späteren Zeitpunkt in diesem Lauf wird kein geringerer als Plácido Domingo dirigieren). Der Abend war also eine besondere Angelegenheit.

Nach 27 Wiederaufnahmen gibt es über Copleys Inszenierung nichts Neues mehr zu sagen, darum werde ich mich darauf beschränken, Ihnen die Stärken noch einmal in Erinnerung zu rufen, die sie so beliebt und zu einem Richtwert für Inszenierungen von Verismus-Opern gemacht hat. Ganz so, wie Giuseppe Giacosas und Luigis Illicas Libretto besessen ist in der Genauigkeit, in der das Verhalten von Menschen wiedergegeben wird, so obsessiv sind Bühnenbild und Kostüme der kürzlich verstorbenen Julia Trevelyan Oman in der Aufmerksamkeit, die historischem Detail geschenkt wird. Und Copleys Direktion ist bemerkenswert frei von dramaturgischen Fehlern: es funktioniert einfach alles. Es ist eine Inszenierung, die es für Schauspieler/Sänger besonders einfach macht, Realismus in ihre Darbietung einfließen zu lassen, und das Spiel war an diesem Abend generell gut, wenngleich nicht ganz auf der Höhe der Besten: Ich habe die Witze schon frischer, die Liebenden brennender und Verzweiflung authentischer gesehen.

Stimmlich allerdings war dieser Abend ausgezeichnet. Calleja und Netrebko sind beide bemerkenswert für ihr ausnehmend attraktives Timbre, und beide erfüllten alle Ansprüche. Es ist faszinierend, Netrebkos Stimme heute mit ihrem Klang vor sagen wir fünf Jahren zu vergleichen: die kristalline Klarheit in hoher Lage ist weniger geworden, ersetzt durch ein volles, kräftiges Leuchten durch fast alle Lagen, wobei die Exzellenz ihrer Technik bleibt. Sie entwickelt eine Phrase wundervoll, mit subtilen Veränderungen, die eine Reihe Farben hinzufügen. Calleja andererseits verkörpert die Tugenden traditionellen italienischen Tenorgesangs – ein warmer und großzügiger Ton, gepaart mit einer Stimme die nie angestrengt zu werden scheint. Lucas Meachem, der die Rolle des Marcello sang, teilt viele dieser Qualitäten, wenngleich auf Bariton-Ebene. Ihr Duett im vierten Akt, als Rodolfo seinen Füller hinwirft und Marcello seinen Pinsel, da keiner der beiden sich dazu bringen kann, zu arbeiten, war einer der stimmlichen Höhepunkte des Abends. In ihrem Covent Garden-Debüt als Musetta gab auch Jennifer Rowley stimmlich eine sichere Darbietung. Ich hatte allerdings das Gefühl, dass sie ihre Rolle eher überzeichnete, und ich hoffe, dass sich das im Laufe der Spielzeit legt.

Wie üblich stellte die Royal Opera sicher, dass auch die Nebenrollen stark besetzt waren. Simone del Savio sang und spielte einen urbanen und sympathischen Schaunard, während Marco Vinco eine sehr gute Interpretation von „Vecchia zimarra, senti“ gab, Collines Lobgesang an seinen alten Mantel und eine von Puccinis entzückenderen Bassarien.

Die Enttäuschung des Abends war die Orchesterleistung. Dan Ettinger schien sich mit heller, fröhlicher Musik am wohlsten zu fühlen, die in der Lage, Licht und Luft in das Spiel zu bringen. In den ruhigeren Passagen allerdings war er weniger überzeugend, wo man sich wünscht, dass kleine Fetzen von individueller instrumentaler Farbe durchscheinen. Auch das Orchester war nur wenig ansprechend auf dem Gebiet, das La bohème am meisten charakterisiert – die großen, mitreißenden, romantischen Phrasen. Wenn man nicht von der Üppigkeit in der Verbindung von Stimmen und Streichern aufgehoben und mitgerissen wird, dann hört man nicht Oper in Bestform.

Es ist also Zeit, sich auf die neue Bohème der Royal Opera in der Spielzeit 2017/18 zu freuen. Es ist unwahrscheinlich, dass eine Neuinszenierung Copley in schierer Bühnenkunst einen Rang streitig machen wird, oder in der Art und Weise, in der er seine Aufmerksamkeit wie eine Klette ans Detail des Originalwerkes heftet. Wollen wir also hoffen, dass diese neue Produktion uns etwas gänzlich anderes bietet, das neue Farbe und Stil auf diese beliebteste der bitter-süßen Opern wirft – und uns dennoch (wie letzte Nacht) uns beim letzten Vorhang mit den Tränen kämpfen lässt.


Aus dem Englischen übertragen von Hedy Mühleck.

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